Im Rauch der Revolte

Bundesarchiv

Getty Images

 
 

Kapitel 1 „Schon gehört?“

Sie trägt ihren Körper wie ein Statussymbol.’,
fällt dem Mann im Bett auf.
‚Wird sie verraten, was die vergangene Nacht zu bedeuten hat?’
Margita bleibt in der Tür stehen und lächelt Betgenhaus an. Mit diesem strahlenden Auftritt möchte sie ihre Müdigkeit überdecken. Die Abgeschlagenheit auf Grund der langen Autofahrt zu ihm und der turbulenten Stunden davor soll Betgenhaus nicht zusätzlich beunruhigen.

Margita weiß, er braucht Schonung. Nicht umsonst hat man ihn nach einem akustischen Anschlag, dessen Opfer er auf dem gestrigen Betriebsfest wurde, in diese Spezialklinik geflogen. Sein Pech waren die Hörgeräte. Seit Neuestem trägt er die regelmäßig. Deren Innereien hatten, bevor sie verglühten, ein ohnehin schon markerschütterndes Eingangssignal derart verstärkt, dass es in Betgenhaus’ Innenohren die Sinneshärchen knickte, wie seinerzeit von Kometenhand die Wälder an der steinigen Tunguska.

Als wäre dies nicht genug, wird Betgenhaus die Aufklärung über das mit seinem Unfall zusammenhängende Geschehen zusätzliche Nerven kosten.
Es gilt behutsam zu vorzugehen. Seinem Ziehvater erzählt man nicht zwischen Tür und Angel, dass in dessen Firma der Geschäftsführer mit Messern und Holzlatten gejagt wurde. Auch dann nicht, wenn man, wie Margita, Augenzeuge war und dazu die Ehefrau des Gehetzten und nun gefangen Gehaltenen ist.

Margitas Erscheinen hat in Betgenhaus trotz seiner Beeinträchtigung ein Stimmungshoch erzeugt. Dies konnte sich nur ausbreiten, weil er von den  ihm bevorstehenden Offenbarungen nichts weiß. Dennoch sind seiner emotionalen Wetterlage nur wenige Herzschläge vergönnt. Zügig kehrt es auf Normal Null zurück, als Betgenhaus sieht, wie nach seiner Besucherin eine weitere Gestalt in den Raum schlüpft. Nicht, dass etwas gegen den jungen Mann an ihrer Seite einzuwenden ist, aber wären sie allein, hätte es Betgenhaus besser gefallen. Unter den Umständen, wie sie nun sind, wird ihr Beisammensein weniger vertraulich werden.

‚Kaputte Ohren und Redeverbot, das wird eine tolle Verständigung. - Ich mag solche Situationen nicht!’ Der Hörsturz ist noch zu frisch, als dass Betgenhaus bereits geschmeidig mit ihm umgehen könnte.
Also betrachtet er schweigend aus seinem Bett heraus die Frau mit einladendem Lächeln, während sie sich zu ihm setzt. Derart nah bleiben Margitas hinter den Fenstern einer strahlenden Fassade versteckten Sorgen nicht unentdeckt. Betgenhaus nimmt an, sie geltem seinem Gesundheitszustand.
Er richtet sich in seinem Krankenbett auf, das er nur hütet, weil ihm Nachtschwester Grifania das Versprechen abgenommen hat, artig zu sein. Nach kurzem Zögern greift er auf das Nachttischschränkchen neben sich und legt den dort wartenden Notizblock auf seine unter der Bettdecke angewinkelten Knie. Dann schreibt er

„Hallo, mein Schatz. Darf nicht sprechen, ihr auch nicht. Ärzteverbot. - Wer ist dein Begleiter? - Wie geht es dem Kleinen?“
Betgenhaus reicht Margita den Block. Die zeigt mit einem Finger auf dessen erste Frage und nickt. Dann nimmt sie den Stift.
„Das ist Paaling, der Assistent meines Mannes. Er hat dich gestern nach Hause gebracht. Erinnerst du dich nicht? - Der Lütte schläft heute bei der Kinderfrau“,
bekommt Betgenhaus zu lesen.

Margita reißt ein paar Seiten aus dem Block, steht auf und geht mit eben diesem Paaling in die am weitesten vom Lager des Kranken entfernte Ecke. Dabei führt sie dessen Oberarm, als bräuchte Paaling Unterstützung. Am anderen Ende des Zimmers flüstern beide aufeinander ein. Anschließend macht es sich Paaling auf dem Fensterbrett bequem und nestelt einen Kugelschreiber aus der Innentasche seines Sakkos. Dann blickt er mehrmals abwechselnd, um Konzentration bemüht, erst zu Betgenhaus und anschließend auf die Blätter in seiner Hand. Nach kurzer Irritation erkennt der alte Mann in seinem Bett, er wird nicht portraitiert, sondern Paaling keilt Schriftzeichen in die Karos auf dem Papier. Betgenhaus wendet sich wieder Margita zu, während Paaling zusammenfasst, wie es dazu kam, dass diejenigen, mit denen der Kranke gestern noch feierte, heute seinen Geschäftsführer dazu brachten, sich hinter einer dicken Tür zu verstecken, durch die man ihn nun nicht mehr hinaus lässt.

Zunächst zaghaft, dann immer klarer schliddert die sich entspinnende Konversation zwischen Betgenhaus und Margita von einem ‚Wie geht es dir und ihm und ihr und mir?’ der Frage entgegen
„Was ist gestern passiert? Was war das für eine Aktion, deren Phantomgeräusche mir jetzt noch in den Ohren hängen?“
Margita denkt ‚Gestern war nur das Vorspiel zu heute’ und notiert
„Wir müssen über Müller ‚reden’.“

Dann streicht sie „Müller“ aus und ersetzt es durch „die Firma“.
Sie gibt Betgenhaus den Block.
„Was ist mit deinem Mann, mit der Firma?“

Mehr